Gesprächsrunde
"Deutschland und seine Kultur(en) - Melting Pot, multikulturelles Mosaik oder doch deutsche Leitkultur?"
Donnerstag 06. Oktober 2016, 18:30 - 20:30 Uhr
Stiftung Demokratie Saarland, Europaallee 18, 66111 Saarbrücken

Im Rahmen der Interkulturellen Wochen veranstaltete Ramesch – Forum für Interkulturelle Begegnung e.V. die Gesprächsrunde zum Thema "Deutschland und seine Kultur(en) - Melting Pot, Multikulturelles Mosaik oder doch deutsche Leitkultur?". Die Begrüßung erfolgte durch den Geschäftsführer der Stiftung Demokratie Saarland, Herr Bernd Rauls sowie durch den Präsidenten von Ramesch e.V., Herr Mohamed Maiga. Moderiert wurde die Veranstaltung von Frau Ursula Kimoto, Vizepräsidentin von Ramesch e.V.

 

Gesprächsteilnehmer waren Frau Dr. Halyna Leontiy, Research Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, wo sie das DFG-Forschungsprojekt zum Thema "Migration und Komik" leitet, Herr Prof. Dr. Dieter Filsinger, Dekan der Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der HTW Saar und Leiter der Forschungsstelle Gesellschaftliche Integration und Migration sowie Herr Mohamed Maiga, Präsident von Ramesch e.V.

Das Thema der Gesprächsrunde wies auch einen Vergangenheitsbezug auf. Denn in den aktuellen tagespolitischen Diskussionen wird oft der Umstand vergessen, dass Deutschland seit jeher durch Migration geprägt ist und andere Kulturen erfolgreich integriert wurden. Was wir heute unter "deutscher Kultur" verstehen, ist also geprägt durch unterschiedlichste kulturelle Einflüsse. Erinnert sei an dieser Stelle nur an die Zuwanderung der Hugenotten im 17. Jahrhundert oder Gastarbeiterbewegung der 1950er Jahre.

Kann man sich als Migrant in Deutschland heimisch fühlen?

Frau Dr. Leontiy ist aufgrund ihrer eigenen Biographie ein Paradebeispiel. Sie selbst wanderte aus der Ukraine aus, um in Deutschland zu studieren. An der Universität fand sie ein multikulturelles Umfeld vor, in das sie sich problemlos integrieren konnte.
Herr Mohamed Maiga
machte das Publikum auf die Schwierigkeiten des Begriffs Heimat aufmerksam: In seiner Ursprungskultur - Mali - ist Heimat der Ort, an dem die Mutter lebt. Obwohl er sich in Deutschland wohl fühlt, ist es daher nicht seine Heimat. Dass er bisweilen auf Unverständnis im Bekanntenkreis stößt, belegt die Notwendigkeit, Begriffe wie Heimat zu hinterfragen und unterschiedliche Bedeutungen anzuerkennen.
Herr Prof. Dr. Filsinger
merkte an, dass prinzipiell alle modernen Gesellschaften pluralistisch sind. Die spannendere Frage sei, wie eine Gesellschaft mit Einwanderung umgeht.

Wie gehen wir mit Menschen um, die ihre eigene Kultur/Heimat mitbringen? Ist ein Miteinander langfristig möglich?

Herr Prof. Dr. Filsinger geht davon aus, dass Gesellschaften keine Gemeinschaften sind. Von dieser Vorstellung müsse man sich verabschieden; vieles funktioniere, weil es sich eher um ein "Nebeneinander" als um ein "Miteinander" handele. Was zunächst wie ein negatives Urteil klingt, hält er für einen vielversprechenden Umstand. Es sei lediglich wichtig, die Andersartigkeit und das Fremde zu respektieren, die Komplexität verschiedener Lebensentwürfe auszuhalten. Nicht notwendig sei es, diese gleichzeitig für gut zu befinden.
Frau Dr. Leontiy warf ein, dass die Geschichte der "Fremdheit" eng mit der Geschichte der Nationalstaaten verbunden sei. Nationale Bewegungen, insbesondere die der Deutschen, strebten nach Homogenisierung. Mit der Etablierung des nationalstaatlichen Konzeptes entstand so gleichzeitig ein Entwurf des Fremden: Das eine kann ohne das andere nicht existieren.
Sie verweist zudem auf etwas, das den historisch-politisch Interessierten aufgefallen sein wird: Es gibt stets eine Gruppe von Individuen, die die Rolle des Außenseiters übernimmt. In der neueren Geschichte der Bundesrepublik Deutschland waren es zunächst die türkischen Gastarbeiter, später die russischen Aussiedler oder die Flüchtlinge aus dem Kosovo, die Vorurteilen und Anfeindungen ausgesetzt waren.
Dabei offenbart ein Blick in die Geschichte auch, dass es möglich ist, eine Vielzahl von Menschen anderer Kulturen zu integrieren. Am Beispiel der Aussiedler wird das besonders deutlich: Insgesamt 2,5 Millionen siedelten in die BRD aus und forderten gesellschaftliche Diskussionen heraus. Heute scheint sich kaum noch jemand daran erinnern zu können; ähnliche Diskussionen werden jedoch aufgrund der Flüchtlingszahlen erneut geführt.

Was können wir für ein Miteinander tun? Wie können wir andere Menschen in unsere "Wertegemeinschaft" integrieren?                                                      Gesprchsrunde 2016 Podium

Herr Prof. Dr. Filsinger betonte erneut, dass das Miteinander nicht das Entscheidende sei. Ein harmonisches gesellschaftliches Zusammenleben sei ohnehin nicht zu erwarten. Vielmehr müsse man einen Weg finden, zu einem respektvollen "Nebeneinander" zu gelangen, in dem die Grundrechte für jedermann garantiert seien. Zudem sei häufig nicht die Kultur das Trennende, sondern nach wie vor die Strukturen. Migranten würden noch immer diskriminiert, unter anderem wenn es um Bildung oder berufliche Chancen geht.
In Einklang damit bemerkte Frau Dr. Leontiy, dass für ein Miteinander die Integration in bestehende Strukturen enorm wichtig sei. Insbesondere das Bildungssystem sei hier wegweisend.
Abgesehen davon bedürfe es einer solidarischen Grundhaltung. Diese Überzeugung leitet sie aus ihrem Forschungsprojekt ab, in dem die Familienstrukturen von Zugewanderten untersucht wurden. Es zeigte sich, dass die Familien sehr heterogen seien und es zum Teil große Differenzen zwischen den Generationen gäbe. Innerhalb der Familien stelle man jedoch die Solidarität über diese Differenzen. In ähnlicher Manier wünscht sich Frau Leontiy einen "Gesellschaftsvertrag".
Dem im Wege könnte unter anderem der Neid stehen: Ein wichtiger Faktor, den sowohl Frau Dr. Leontiy, als auch Herr Prof. Dr. Filsinger ansprachen. Zuwanderung führt zu mehr Konkurrenz, zum Beispiel um Arbeitsplätze oder staatliche Ressourcen. Die hier Lebenden sehen sich benachteiligt und reagieren mit Ausgrenzung. Im Falle der Russlanddeutschen kürzte die Regierung in Folge der gesellschaftlichen Debatte die Renten der Zugewanderten, um so die ansässige Bevölkerung zu besänftigen.

Zahlreiche Wortmeldungen aus dem Publikum brachten weitere interessante Punkte ein.
Eine Zuhörerin bemerkte, dass Deutschlands heutige Gesellschaftsordnung nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Alliierten verordnet wurde. In einem langen Prozess festigten sich dann die demokratischen Strukturen. So sollte es möglich sein, auch andere in dieses System zu integrieren.
Eine weitere Wortmeldung warf die Frage auf, ob der Koran mit unserem Grundgesetz vereinbar sei, da der Koran als das unveränderbare Wort Gottes gelte. Eine kritische Reflexion seiner Inhalte sei daher in einigen muslimischen Milieus nicht möglich.

Herr Dr. Filsinger verwies darauf, dass „der“ Islam nicht existiere, dass pauschale Aussagen über die Religion daher nicht möglich seien. In jeder Religion gäbe es humane Anteile, die gestärkt werden müssten. Auch Herr Mohamed Maiga betonte die unterschiedlichen Ausprägungen des Islams. Einig war man sich darüber, dass nichts akzeptiert werden könne, was gegen die Grundrechte und die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland verstößt.

Weiter machte ein Gast darauf aufmerksam, dass die westliche Welt - auch die Bundesrepublik Deutschland - in weiten Teilen für die Situation in den Herkunftsländern der Flüchtlinge und Migranten verantwortlich sei. Bereits in der Kolonialzeit begann unter anderem die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents; bis heute wirken imperialistische Strukturen fort. Waffenexporte verschärfen zusätzlich die Lage. Dieser Umstand sollte unter anderem auch in der Schule stärker thematisiert werden. Darauf ging auch Herr Prof. Dr. Filsinger ein, der für eine Debatte über die Widersprüche der westlichen Welt plädierte. Unser Lebensstandard und die wirtschaftliche Macht der Bundesrepublik Deutschland basiere auf der Ausbeutung anderer Länder. Dieser Fakt lässt unser "Wertesystem" verblassen. Nur wenn diese Tatsachen thematisiert würden, könne man andere Systeme glaubhafter kritisieren und unsere Werte eher vermitteln. Auch Frau Dr. Leontiy bestätigte diese Sichtweise: Sie selbst spricht vom Wirtschaftskolonisator Deutschland. In einem deutschen Unternehmen in Kiew untersuchte sie die Strukturen und stellte fest, dass in diesem Unternehmen die gesamte Politik von deutscher Seite diktiert wurde und die Mitarbeiter in der Ukraine zudem herablassend behandelt wurden.

Auf die Frage, wie die bestmögliche Integration gelingen kann, betonte Herr Maiga zum Abschluss noch einmal, dass faire Chancen sowie der gegenseitige Austausch von enormer Wichtigkeit seien. Er bemängelte das grassierende Schwarz-weiß Denken: In Bezug auf Einwanderung werde oft entweder alles als positiv oder alles als negativ befunden, womit ein fruchtbarer gesellschaftlicher Diskurs verhindert werde. Um Integration zu gewährleisten, müssten offene und ehrliche Diskussionen stattfinden. Frau Dr. Leontiy erklärte, dass Integration gerade durch Konflikte vorangetrieben werden könne. Diesen Schluss zog sie wiederum aus ihrem Familien-Forschungsprojekt. So waren patriarchalische Strukturen Gegenstand von Konflikten. Durch die Austragung der Konflikte wurde der Wandel gefördert. Herr Dr. Filsinger stimmte mit ihr überein. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung müsse konflikthafter ausgetragen werden. Dabei solle man weniger Identität-orientiert, sondern eher Interessen-geleitet handeln.

Die Gesprächsrunde zum Thema "Deutschland und seine Kultur(en)" brachte viele interessante Aspekte hervor. Die rege Beteiligung des Publikums zeigte das hohe Interesse an der Thematik. Auch im Anschluss tauschten sich die Gäste untereinander aus.