Psychosoziale Gesundheit und Migration

Vortrag und Gesprächsrunde am 24.06.2010

19.00 Uhr in den SHG-Kliniken in Völklingen

Manchmal reicht es nicht, eine Sprache zu beherrschen, um sich verständlich zu machen: Klagt ein Iraner vor einem Arzt, seine "Leber sei zerstückelt", spricht er nicht von einem körperlichen Leiden, sondern spricht von innerer Zerrissenheit. Der "erkältete Kopf" aus dem Mund eines türkischen Patienten soll ausdrücken, dass er glaubt, den Verstand zu verlieren. Das Gefühl der Sprachlosigkeit ist eine Erfahrung, die viele Einwanderer in Deutschland machten, vor allem, wenn es um psychische Probleme geht. Dies ist nur eines der Probleme die Murat Ozankan, Oberarzt und Leiter der Migrantenambulanz der LVR-Klinik Langenfeld, bei seinem Vortrag in den SHG-Kliniken in Völklingen ansprach.

Migration bringt für die betroffenen Personen, ihre Familien, die Herkunfts- aber auch die Einwanderungsländer einschneidende Veränderungen mit sich. Die Lebensgeschichte und Hintergründe dieser Menschen sind derart heterogen, dass keineswegs von einer gemeinsamen Erfahrung oder einem vergleichbaren Prozess bei dem Wechsel in das neue kulturelle Umfeld ausgegangen werden kann.

"In Deutschland alt zu werden, war ursprünglich nicht Teil der Lebensplanung der Mehrheit älterer Migranten", so Murat Ozankan. Der Lebensabend sollte im Herkunftsland verbracht werden, nachdem man sich mit den im Ausland erwirtschafteten finanziellen Mitteln die dortige Existenz gesichert hatte. Der Aufenthalt in Deutschland sei als Provisorium geplant gewesen, entsprechend wurde das Leben gestaltet. Im Alter müssten viele Migranten jedoch feststellen, dass ihre Kinder und Enkelkinder ihr Sozialverhalten und ihre Lebensentwürfe an der deutschen Gesellschaft orientieren und keine Rückkehrabsichten hätten.

Murat Ozankan arbeitet seit 2004 in der Migrantenambulanz der LVR-Klinik Langenfeld.
„Unser Angebot in der Migrantenambulanz zur Überwindung von Zugangsbarrieren des öffentlichen Gesundheitsdienstes hat im März 2004 durch die Einstellung von Fachpersonal mit direkten oder indirekten Migrationserfahrungen, die sowohl die Kultur, die Systeme und Sprache von Deutschland als auch ihres Herkunftslandes kennen, begonnen. Unser Behandlungsangebot richtet sich vorrangig an türkisch – und seit April 2007 russischsprechende Patienten. Andere Nationalitäten bilden kein Ausschlusskriterium, 10% Marokko, Iran, Polen, Griechenland, Jugoslawien. In unserer Arbeit bewegen wir uns in Netzwerken. Mit unseren fachübergreifenden Kooperationspartner stehen wir regelmäßig in „Face to Face“ Kontakt“, berichtet Ozankan.

Ein wichtiger Schwerpunkt der Migrantenambulanz sei die Behandlung der Altersdepressionen und beginnende Demenzen. Die in  2002 unter Leitung des Referats Transkulturelle Psychiatrie der DGPPN erstellten „Sonnenberger Leitlinien“ bildeten die Grundlage für eine nationale Initiave zur Verbesserung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung und zur Integration von Migranten mit psychischen Erkrankungen in die bundesdeutsche Gesellschaft. Es gehe dabei nicht um die einseitige Anpassung der Migranten an das Gesundheitssystem, sondern um die Öffnung und Qualifizierung des Systems für die Bedürfnisse und psychohygienischen Erfordernisse der Migrantenpopulation. Mit der zentralen „Informations- und Kontaktstelle für die Arbeit mit Älteren Migranten“ (IKoM), sei eine strukturbildende und vernetzende Einrichtung entstanden.

Unterschiedliche Sicht- und Umgangsweisen bezogen auf Alter und Krankheit spielten eine wichtige Rolle. Dies treffe ganz besonders auf psychiatrische Störungen zu die seltener als Krankheit erkannt und respektiert würden. In islamischen Glaubensrichtungen würden Krankheiten mit Gottes Kenntnis und Erlaubnis hervorgerufen, so Ozankan.

Ein weiterer Aspekt: Es gäbe noch wenige Untersuchungen über die Auswirkung der sozialen Lebensumstände auf die psychische Gesundheit der älteren Migranten. Ihr allgemeiner Gesundheitszustand sei häufiger als bei deutschen Senioren beeinträchtigt, vor allem durch psychische bzw. psychosomatische Belastungen und durch körperliche Erkrankungen. "Aufgrund der häufig schlechteren Lebens- und Arbeitsbedingungen und aufgrund der Migrationsbiografie wird geschätzt, dass Alterungsprozesse bei Migranten im Vergleich zu Deutschen ca. 5 bis 10 Jahre früher einsetzen", erläutert Ozankan.

Mehr als 4.000 Patienten hätten seit der Eröffnung Hilfe in der Ambulanz gefunden. Mittlerweile kämen die Patienten auch aus anderen Bundesländern. Unter ihnen seien auch viele Marokkaner und Iraner. Langenfeld habe inzwischen einige Nachahmer gefunden. Für die Behandlung psychisch erkrankter Migranten aus der Türkei und aus dem russisch-sprachigen Raum biete die Migrantenambulanz ein spezifisches Konzept an. Behandelt würden Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen, neurotischen Störungen, Persönlichkeitsstörungen, Suchterkrankungen sowie seelischen Erkrankungen im höheren Lebensalter.

Die Migrantenambulanz setzt in ihrer Arbeit folgende therapeutische Ansätze ein:

•    psychiatrische Behandlung inkl. Diagnostik und Pharmakotherapie unter Einbeziehung der Angehörigen und der Betreuer in den komplementären Diensten
•    psychotherapeutische Diagnostik und Behandlung in Einzel- und Gruppentherapie in der Muttersprache
•    psychoedukative Gruppenangebote in der Muttersprache